Landkreis Ravensburg - Eine Regionale Bildungslandschaft entsteht

In Ravensburg wurden neue Organisationsstrukturen für den Bildungsbereich geschaffen, in denen unterschiedlichen Akteure eng zusammenarbeiten. Es werden Entwicklungsbedarfe im Bereich der Bildung festgestellt, entsprechende Bearbeitungsstrategien festgelegt sowie Maßnahmen entwickelt und umgesetzt. Bisherige Grenzen der Zuständigkeiten konnten dabei überwunden werden.

Ausgangslage

  • Der Landkreis Ravensburg hat sich in umfassender Weise auf das Thema Bildung ausgerichtet. Der inhaltlich sehr breit angelegte Fokus reflektiert dabei die vielfältigen Strukturen sowie verschiedenen Problemlagen eines ländlich geprägten Flächenlandkreises.
  • Bei allem Engagement der Verantwortlichen und nach Jahren intensiver Bildungsarbeit sowie innovativer Bildungsprojekte hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Grenzen des Erreichbaren vor allem durch die Grenzen der Zuständigkeiten markiert werden.
  • Die Handlungsbedarfe im Bildungsbereich lagen vor allem in:
    • der Qualitätsentwicklung an den Schulen
    • der horizontalen und vertikalen Vernetzung der Bildungsakteure
    • der Etablierung einer staatlich-kommunalen Verantwortungsgemeinschaft

Ziele

Übergeordnetes Ziel
  • Für alle Kinder- und Jugendliche bestmögliche Lern- und Lebenschancen in der Region zu schaffen und damit zu mehr Lebensqualität und zur Standortsicherung beizutragen
Weitere Ziele
  • Unterstützt von der Bertelsmann Stiftung galt es zunächst neue Strukturen zu schaffen, die es ermöglichten, neue Formen der Kooperation zu finden und neue Wege des Miteinanders zu praktizieren.
  • Die „Regionale Steuergruppe" entwickelte ein Zielsystem, das durch vier zentrale Leitsätze bestimmt wird:
    • Bildungsgerechtigkeit
    • Qualitätsbewusstsein
    • Verantwortungsgemeinschaft
    • Konstruktive Partnerschaft
    • Aufbauend auf diesen Leitsätzen wurden dann für die vier Zielebenen „Schüler, Schule, Schullandschaft und Bildungslandschaft" konkrete Ziele definiert sowie direkte Maßnahmen beschrieben.

Umsetzung

Projekt „Regionale Bildungslandschaft Ravensburg" 2006 - 2008
  • Teilnahme am Modellprojekt „Regionale Bildungslandschaften" im Jahr 2006
  • Damit wurde der Landkreis Ravensburg über drei Jahre sowohl vom Land Baden-Württemberg als auch von der Bertelsmann Stiftung darin gefördert, modellhaft für das Land Baden-Württemberg neue Organisationsstrukturen aufzubauen – eine systematischen Entwicklung des kommunalen Bildungswesens zur „staatlich-kommunalen Verantwortungsgemeinschaft"
  • Inzwischen ist das Projekt in der Regelphase, getragen vom Impulsprogramm „Bildungsregionen" des Landes Baden-Württemberg sowie vom Landkreis Ravensburg.
Leitlinien festlegen und neue Strukturen entwickeln
  • Zentrale Strukturelemente der Regionalen Bildungslandschaft sind die Regionale Steuergruppe, der Bildungsbeirat und das Bildungsbüro.
  • Die Regionale Steuergruppe setzt sich paritätisch aus Vertretern der Region und des Landes zusammen und legt die strategischen Entwicklungsziele für das Projekt fest. Sie „steuert" die Prozesse in der Region, indem sie die dortigen Entwicklungsbedarfe im Bereich von Bildung feststellt, entsprechende Bearbeitungsstrategien festlegt und Maßnahmen entwickelt, die die Zusammenarbeit der Bildungsinstitutionen fördern. Darüber hinaus entscheidet die Steuergruppe über die Vergabe und den Einsatz der Mittel des Regionalen Innovationsfonds.
  • Der Regionale Bildungsbeirat stellt eine weitere strukturelle Säule der Bildungslandschaft dar und unterstützt bzw. berät die Regionale Steuergruppe, entwickelt Vorschläge zur Optimierung der Bildungslandschaft und begleitet die Projektarbeit. Der Beirat setzt sich aus Vertreterinnen und Vertretern aller mit Bildung befassten Bereiche zusammen und umfasst mehr als 30 verschiedene Institutionen. Das Spektrum reicht dabei vom Kindergarten bis zur Hochschule, von der Arbeitsagentur bis zur Jugendmusikschule und vom Jugendamt bis zur Handwerkskammer.
  • Das Regionale Bildungsbüro ist die Geschäftsstelle des Projektes und damit die zentrale Koordinierungs-, Anlauf- und Beratungseinheit. Es ist interdisziplinär besetzt, d.h. es besteht aus Pädagogen und Verwaltungspersonal. Zu den zentralen Aufgaben des Bildungsbüros gehört es, die Abstimmungsprozesse zwischen den Bildungsakteuren zu initiieren und zu steuern, Impulse für Innovationen zu setzen und die Vernetzungen inhaltlich und strukturell zu gestalten.
  • Die Vernetzung von Schulen untereinander so wie auch mit den Schulträgern ist in einem großflächigen Landkreis wie Ravensburg ist einerseits dadurch zu realisieren, dass der Landkreis in vier Unterregionen aufgeteilt wird, sodass jeweils Schulen aller Schularten und die jeweiligen Schulträger einer Regionalkonferenz zugehören. Hier begegnen sich Akteure und Institutionen auf Augenhöhe und es erleichtert die Zusammenarbeit, dass starre Sitzungsvorgaben genauso fehlen wie Anwesenheitsverpflichtungen.
    Andererseits werden inzwischen Maßnahmen wie der „Chancen-Pool-Bodenseeregion" oder „Coaching-Sprachförderung" der Bildungsregion landkreisweit für alle Schulen bzw. Kindergärten ausgeschrieben und die Einrichtungen können sich bewerben.
  • Weitere Strukturen, die sich im Laufe des Projekts entwickelt und bewährt haben, sind das Gremium „Regionale Steuergruppe/Geschäftsführende Schulleiter" sowie Bildung diverser Arbeitskreise, so z.B. die Arbeitskreise Unterrichtsentwicklung, Übergang Schule - Beruf oder der Runde Tisch Sprachförderung.
Im Rahmen der Regionalen Bildungslandschaft wurden verschiedene Innovative Projekte und Schwerpunktthemen umgesetzt:Regionaler Bildungsbericht
  • Im Februar 2009 erschien der erste Bildungsbericht des Landkreises Ravensburg, der unter der Federführung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung Berlin und des Regionalen Bildungsbüros Ravensburg entstand. Er liefert allen relevanten Akteuren und Institutionen datenbasierte Aussagen und soll Auskunft darüber geben, wie gut das Kernanliegen der Bildungsregion Ravensburg verwirklicht wird, allen Kindern und Jugendlichen die bestmögliche Bildung zukommen zu lassen.  Auf diese Weise werden Qualität und Umfang von Bildung nicht nur transparent, sondern vor allem für die Öffentlichkeit verfügbar und verständlich gemacht.
  • Inzwischen wird bereits am nächsten Bildungsbericht, welcher Anfang 2012 vorgelegt wird gearbeitet.
  • Übergang Schule – Beruf
    Zielsetzung des „Chancen-Pools-Bodenseeregion" ist die Erhöhung und qualitative Verbesserung der Übergangsquote von der Förderschule, Haupt- oder Werkrealschule ins Duale  Ausbildungssystem.
    Die Maßnahme setzt am Berufswahlunterricht in den Klassen 7, 8 und 9 sowie beim Beratungsauftrag der Agentur für Arbeit an, bietet aber zusätzlich eine bedarfsorientierte und individuelle Karrierebegleitung an Schulen. Um diesen flächendeckend „Karrierebegleiter" zur Verfügung stellen zu können, konnten mit BIFO Vorarlberg und der Caritas Bodensee Oberschwaben erhebliche EU-Mittel sichergestellt werden. Zudem wird der „Chancen-Pool-Bodenseeregion" durch ein umfangreiches lokales Netzwerk getragen. Partner wie die Agentur für Arbeit, BBQ, Martinusmantel, IHK, Kreishandwerkerschaft, EnBW sowie das Schulamt leisten z.T. Beiträge zur Kofinanzierung und bringen sich mit ihrem Fachwissen in die Umsetzung des Projekts ein. Da auch die Schulträger einen Finanzierungsbeitrag leisten, wird hier staatlich-kommunale Verantwortungsgemeinschaft greifbar.
    Insgesamt beteiligen sich 19 Schulen und über 800 Schülerinnen und Schüler. In den kommenden zwei Schuljahren können insgesamt ca. 600.000 € in die Karrierebegleitung investiert werden.  Seit dem 4. Oktober läuft das Projekt offiziell.
  • Sprachförderung
    Eine Evaluation „Sprachförderung" auf Grundlage des Bildungsberichts in Kindergärten und Kindertagesstätten ergab alarmierende Zahlen für den Landkreis Ravensburg. So weisen etwa 25% der Kinder, die im kommenden Schuljahr eingeschult werden, erheblichen Sprachförderbedarf auf. Dabei handelt es sich zu einem erheblichen Anteil auch um Kinder ohne Migrationshintergrund. Der Runde Tisch Sprachförderung bringt von der Kindergartenleitung, Kindergartenfachberatung über die Sprachheilschule bis zur Pädagogischen Hochschule alle Spezialisten an einen Tisch. Ein Ergebnis des Runden Tisches ist eine gemeinsame Qualifizierungsmaßnahme von Caritas und Sprachheilzentrum. Diese beinhaltet als wichtigstes Element Coaching-Maßnahmen, die die Erzieherinnen inhaltlich und organisatorisch vor Ort anleiten. Die Landkreise Sigmaringen und Biberach konnten damit bereits große Erfolge erzielen. Zur Finanzierung der Maßnahmen wurden bereits insgesamt 30.000 € pro Jahr an  Sponsorengeldern eingeworben. Die Ausschreibung ergeht nun an alle Kindergärten und Kindertagesstätten im Landkreis. 21 Einrichtungen werden ab dem kommenden Jahr durch diese Coaching-Maßnahme begleitet.
  • Ganztagesschule
    Zur Ganztagsschule wurden 2009 eine Bildungsbeiratssitzung und vier Regionalkonferenzen durchgeführt. Besonderes Augenmerk lag auf der Beteiligung von Schulträgern, Schulverwaltung, Schulen und außerschulischen Partnern. Im Mai 2010 waren alle Schulen, Schulträger und Volkshochschulen eingeladen, die an einer Kooperation im Ganztagesschulbetrieb interessiert sind.
    Das Ziel des Landes Baden-Württemberg an 40 % aller Schulen ein offenes, teilgebundenes- oder gebundenes Ganztageskonzept anzubieten ist nach Aussage des Schulamtes im Landkreis in praktisch allen Schularten erreicht. Die Bildungsregion unterstützt die Schulen weiter durch Darstellung gelungener Umsetzungsbeispiele.
  • Unterrichtsentwicklung
    Der Arbeitskreis Unterrichtsentwicklung organisiert schulartübergreifende Lehrerfortbildungen und rekrutiert sowohl Fachleute der regionalen Hochschulen und Institutionen, die an der Lehreraus- und Weiterbildung beteiligt sind, lädt aber auch überregional anerkannte Experten für Lehrerfortbildungen ein.  Z.B. werden Veranstaltungen an der PH Weingarten von der Bildungsregion organisiert, die sich mit den Anforderungen steigender Heterogenität im Klassenzimmer befassen. Dazu haben sich jeweils über 300 Lehrkräfte aus allen Schularten angemeldet.
  • Schulische Übergänge
    Die Übergänge von Kindergarten zur Grundschule, von der Grundschule zu den weiterführenden Schulen oder von der Realschule zum beruflichen Gymnasium erweisen sich häufig als schwierige Gelenkstelle in Bildungsbiografien. Das Bildungsbüro bringt regional und fachlich differenziert, die Pädagogen an diesen Nahtstellen zusammen, sorgt für Abstimmung und Kommunikation mit dem Ziel, den Kindern und Jugendlichen bruchfreie Übergänge zu ermöglichen.
  • Qualitätsentwicklung an Schulen
    Während der dreijährigen Projektlaufzeit wurde an allen Projektschulen eine interne Evaluation durchgeführt. An dieser Selbstbewertung, basierend auf dem von der Bertelsmann Stiftung entwickelten Instrument SEIS (Selbstevaluation in Schulen), konnten die Schulen ihre ermittelten Stärken und Handlungsbedarfe mit anderen Schulen der gleichen Schulart im Landkreis vergleichen und gezielt in den Feldern Qualitätsmanagement, Organisationsgestaltung und Unterrichtsentwicklung arbeiten.
  • Übergänge zwischen Schularten gestalten
    Alle Schulen in der Bildungsregion Ravensburg sind bestrebt, aktiv und im Sinne der Schüler die Übergänge zwischen den Schularten, also die vertikale Vernetzung, zu verbessern, um individuelle Bildungsverläufe ohne Brüche zu ermöglichen. Derzeit wird verstärkt an den Übergängen zwischen den Grundschulen und den weiterführenden Schulen gearbeitet, sowie an den Übergängen zwischen Realschule und Beruflichem Gymnasium.
Übergang zur „Bildungsregion Ravensburg" ab 2009
  • Das Projekt Regionale Bildungslandschaft endete in 2008, die Strukturen und Inhalte wurden nun institutionalisiert, d. h. der Landkreis Ravensburg ist eine Bildungsregion mit den Merkmalen einer Regionalen Bildungslandschaft.
  • Die Finanzierung erfolgt durch Mittel der Landkreises (Kreishaushalt) und – zumindest zunächst bis 2012 – unter Beteiligung des Landes Baden-Württemberg (Bildungslandschaften sind Bestandteil der Qualitätsoffensive Bildung).

Erfolge

  • Es entstand ein breites Netzwerk von Bildungs- und Ausbildungsträgern. Durch Kooperationen zwischen Schulen untereinander, wie z. B. Realschulen mit den beruflichen Schulen wurden die schulischen Übergänge besser aufeinander abgestimmt.
  • Durch Kooperationen von Schulen mit Betrieben, der IHK und der Kreishandwerkerschaft (z. B. „ Chancen-Pool-Bodenseeregion") wurden Schüler intensiver auf die Berufsausbildung vorbereitet und können EU-Mittel in erhablich Umfang akquiriert werden und Erfahrungen mit den österreichischen Partnern ausgetauscht werden; die Pädagogische Hochschule Weingarten engagierte sich vermehrt in der Weiterqualifizierung der Lehrkräfte zur Verbesserung der Unterrichtsqualität.
  • Durch die Regionalen Bildungskonferenzen gibt es zum ersten Mal ein Forum, in dem Vertreter der Kommunen und der Schulen sich gemeinsam austauschen; der Austausch erstreckt sich auf Erfahrungen, Ideenweitergabe, Planung gemeinsamer Projekte bis hin zu konkreten Vereinbarungen der Schulen untereinander
  • Schulteams aller an der Regionalen Bildungslandschaft beteiligten Schulen wurden über das Regionale Bildungsbüro fort- und weitergebildet. Dadurch gab es in vielen Schulen eine sehr positive Aufbruchstimmung mit der Bereitschaft zu Veränderungen. An vielen Schulen haben sich die schulischen Bedingungen verbessert.
  • Durch Kooperation mit der PH Weingarten entstanden im Bereich Kompetenzanalyse neue Seminare und Praktika an der Hochschule. Studierende kommen so bereits früh in Kontakt mit der Schulpraxis.

Kontakt

Alexander Matt

Regionales Bildungsbüro Ravensburg
Friedenstraße 6
88212 Ravensburg
Telefon: 0751 - 85 13 40

Weitere Informationen

Weiterführende Informationen

Demographieprofil

Ravensburg (RV) Baden-Württemberg

Demographietyp

Prosperierende Kommunen im Umfeld dynamischer Wirtschaftszentren

Bevölkerung 2014

49.172

Relative Bevölkerungsentwicklung 2012 bis 2030 (%)

5,5

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