Gelsenkirchen - Kinder bauen ihre Schule

Nach einem architektonisch und pädagogisch ambitionierten Konzept wurde in Gelsenkirchen die "wachsende" Stadtteilschule errichtet. Sie bietet vielfältige Angebote, die weit über den Schulalltag hinausgehen. Die Schule ist eine Ganztagsschule, wo Kinder unterschiedlicher Konfession und Nationalität leben und lernen.

Ausgangslage

  • Die Bevölkerung in den Stadtteilen Bismarck und Schalke-Nord weist die typischen sozialstrukturellen Merkmale auf, die in altindustriellen Quartieren anzutreffen sind (wie z. B. hohe Arbeitslosigkeit, hoher Ausländeranteil, geringe Bildungsbeteiligung).
  • Es bestanden jedoch kaum Angebote der sozialen und kulturellen Infrastruktur für diese Bevölkerungsgruppen. Die Arbeitslosenzahl ist trotz zahlreicher Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekte aufgrund der gesamtwirtschaftlichen Lage weiterhin sehr hoch.
  • Durch das Stadtteilbüro vor Ort wurde ein Stadtteilprogramm umgesetzt und fortgeschrieben. Dazu gehörte auch der Bau und Betrieb einer innovativen Gesamtschule.

Ziele

  • Als Schule in privater Trägerschaft ist die EGG einem besonderen reformpädagogischen Ansatz verpflichtet: Die vier Buchstaben „F E L S" stehen als Kürzel für ein Konzept, das sich so beschreiben lässt:
    • Als Familienschule will sie zwar keine Konkurrenz zum häuslichen Umfeld sein, aber doch durch eine familiäre Atmosphäre für ein Klima sorgen, in dem sich die Kinder und Jugendlichen „Zu Hause" fühlen.
    • Als Erziehungsschule will sie Akzente setzen gegen eine Kultur des Wegschauens und die Charakterbildung ebenso ernst nehmen wie die Wissensvermittlung.
    • Der Begriff der Lebensschule verweist auf Lernkonzepte, die Gottesdienste, Musik, Theater, Handwerk, Sport, Spiel und alljährliche Klassenfahrten in den Unterrichtsalltag einbeziehen.
    • Schließlich versteht sie sich als Stadtteilschule, die in Gelsenkirchen-Bismarck in vielfältiger Weise mit dem lokalen Umfeld verknüpft ist

Umsetzung

  • Das architektonisch anspruchsvolle Konzept des Stuttgarter Architekten Peter Hübner verband theoretisches, praktisches und soziales Lernen und bezog außerunterrichtliche Aktivitäten im Stadtteil bewusst ein und ist bereits preisgekrönt.
  • Der Neubau wurde in Holzständerbauweise und Niedrigenergiestandard mit ökologischen Baustoffen, Grasdächern und Regenwassernutzung errichtet. Entlang einer "Schulstraße" sind die öffentlichen Einrichtungen der Schule (Bibliothek, Mensa, Aula, Verwaltung und Fachräume, begrünter Lichthof) als Mittelpunkt der Schule angeordnet.
  • Um das Hauptgebäude gruppieren sich die Klassenhäuser, die auf zwei Etagen den Schülern viel Raum lassen und für jede Klasse einen eigenen Garten ebenso wie einen eigenen Sanitärbereich und Freiräume auf Emporen bereithalten.
  • Den Abschluss bilden das runde Werkstattgebäude auf der nördlichen und das "Stadtteilhaus" auf der südlichen Seite. Beide Gebäude sind unabhängig vom Schulbetrieb zugänglich.
  • Das Ensemble wird ergänzt durch eine Dreifachsporthalle, einen Pyramidenbau für Ausstellungszwecke und ein Oberstufenhaus.
  • Die sechs "Klassenhäuser", die seitlich an die zentrale Schulachse angehängt sind, wurden in den Jahren 1998-2004 im Rahmen von so genannten "Architektentagen" zusammen vom Architekturbüro und einzelnen Schülerjahrgängen geplant und gestaltet.
  • Das dreigeschossige Stadtteilhaus stellt die Verbindung zum Stadtteil Bismarck dar. Hier befinden sich eine Schulsozialstation, ein Zentrum für Sprachförderung und das Elterncafé. Alle drei Einrichtungen dienen der Vernetzung mit dem Stadtteil sowie der Förderung des interkulturellen Dialogs.
  • Im Elterncafé finden regelmäßige Stadtteilfrühstücke und andere Veranstaltungen statt.
  • Die Mitarbeiter der Schulsozialstation knüpfen Kontakte zu den Beratungsstellen der Jugendhilfe und anderen Einrichtungen im Stadtteil. Darüber hinaus verstehen sich die Mitarbeiter der Schulsozialstation als Ansprechpartner für Schüler, sei es in schwierigen Lebenslagen oder bei Fragen der Lebens- und Freizeitgestaltung.
  • Auch das Werkstattgebäude, die Aula und die Fachräume der Schule stehen der Öffentlichkeit für Kulturveranstaltungen, Freizeit und Bildung zur Verfügung.
  • Kinder unterschiedlicher Konfession und Nationalität leben und lernen gemeinsam an der EGG. Gut ein Drittel der Schülerschaft haben einen Migrationshintergrund, die meisten von ihnen sind Muslime. Das Fach Islamische Unterweisung gehört für sie zum Stundenplan.
  • Die Klassenlehrer übernehmen als Klassenlehrertandem, im Idealfall eine Lehrerin und ein Lehrer, eine zentrale Rolle. Durch eine möglichst hohe Präsenz des Klassenlehrertandems und der im Jahrgang unterrichtenden Lehrer in der jeweiligen Klasse entwickelt sich ein intensiver Kontakt zwischen Schülern und Lehrern.
  • Im Klassenverband erfahren Schüler an der EGG, dass eigenverantwortliche Gestaltung von Räumen nur auf der Grundlage fester Regeln und verbindlicher Zuständigkeiten (Klassendienste) funktionieren kann.
  • Weitere wichtige Werte, die den Kindern und deren Familien vermittelt werden: Respekt, Individualität, Teilhabe insbesondere des familiären Umfelds der Schüler, konstruktiver Umgang mit Konflikten, verantwortungsvollen Umgang mit der Umwelt.
  • Die EGG befasst sich auch mit dem beruflichen und persönlichen Werdegang der Schüler. Zu ihren Zeugnissen erhalten die Schüler in der Sekundarstufe I einen Lernbericht, der Auskunft über das Lern-, Sozial- und Arbeitsverhalten sowie die persönliche Entwicklung gibt.
  • Das Konzept der Lebensplanung und Berufswahlorientierung sieht eine kontinuierliche Vorbereitung der Schüler ab der Jahrgangsstufe 7 vor.
  • Das Arbeiten in den Arbeitsgemeinschaften, die nach Neigungen gewählt werden, ergänzt das Unterrichtsangebot in der Sekundarstufe I. Da die Teilnahme an der Arbeitsgemeinschaft nicht benotet wird, entwickelt sich in den Arbeitsgemeinschaften in der Regel ein offener Umgang von Schülern und Lehrern, der das Lernklima an der EGG bereichert.
  • Die EGG bemüht sich, die Schule auch nach 16.00 Uhr und/oder in den Ferien für Schüler zu öffnen. Kooperationen mit Sportvereinen und anderen Institutionen aus dem Stadtteil sollen langfristig für ein attraktives Freizeitangebot sorgen. Die Räumlichkeiten des Stadtteilhauses werden auch nach Schulschluss genutzt.
  • Über die dargestellten Aktivitäten hinaus engagiert sich die EGG in einer Vielzahl von Gremien, wie dem „Arbeitskreis Bismarck/Schalke-Nord" und dem interkulturellen Arbeitskreis „Kirche und Moschee in unserer Stadt".

Erfolge

  • Die Evangelische Gesamtschule im Gelsenkirchener Stadtteil Bismarck wird seit ihrem Endausbau von ca. 1150 Kindern besucht.
  • Insgesamt erfreut sich die Schule großer Beliebtheit: Alljährlich melden mehr Eltern ihre Kinder an der EGG an als an jeder anderen Schule Gelsenkirchens. Das gilt sowohl für die Sekundarstufe I als auch für die Sekundarstufe II.
  • Das Schulensemble ist zu einem positiven Identifikationsfaktor in einem stigmatisierten Stadtteil geworden.
  • Die Schule bildet eine der zentralen Säulen der Verstetigung der angestoßenen Veränderungsprozesse im Stadtteil.
  • Das gute Abschneiden der Schule bei den alljährlichen Lernstandserhebungen wie bei den zentralen Abschlussprüfungen ist nicht zuletzt auf die individuelle Förderung zurückzuführen, für die die Schule im Schuljahr 2007/08 das Gütesiegel „individuelle Förderung" erhalten hat.
  • Die Schulräumlichkeiten, die zum Teil unter Beteiligung von Kindern, Eltern und Lehrerschaft geplant und gebaut wurden, dienen als kulturelles Zentrum und öffentliche Begegnungsstätte für den Stadtteil.

Kontakt

Harald Lehmann

Schulleiter
Evangelische Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck
Laarstr. 41
45899 Gelsenkirchen
Telefon: 0209 - 98 30 39

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